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19.10.1939. Emanuel Eckstein wird in Nidda/Hessen zu Tode gehetzt

 


Herzanschlag
Der letzte Lebenstag des Emanuel Eckstein


Pünktlich verläßt der Frühzug nach Friedberg den Hauptbahnhof. Der Mann in der 3. Klasse hebt die Morgenzeitung vors Gesicht. Vom Führer liest er, der die Sieger von Scapa Flow empfing, und daß »Deutschland seit sechs Wochen im Zeichen des Krieges« steht.
Es ist ein sonniger Oktobermorgen des Jahres neununddreißig.
Emanuel Eckstein, gerade 66 Jahre alt geworden, lebt seit einem halben Jahr mit Frau, Tochter, Schwiegersohn und Enkelin in Frankfurt am Main. Jetzt ist er auf dem Weg in seinen Heimatort Nidda in Oberhessen. Von dort war die Familie im Februar neununddreißig geflohen.
Am Abend wird er tot sein. Die Umstände seines Todes werden in Nidda am Rande des Vogelsberges, folgt man den Berichten anläßlich der seit Kriegsende üblichen Gedenkfeiern, so deutlich wie drastisch beschrieben. Er wird, heißt es, »von Einwohnern der Stadt Nidda durch die Straßen gehetzt und so mit Steinen beworfen, daß er anschließend ohne ärztliche Hilfe auf der Straße verblutete«.
In manchen Berichten sind die Einwohner Jugendliche, die Eckstein in Richtung Bahnhof jagten. Gegen die Mörder, so lese ich weiter, die teilweise noch lebten, sei niemals ein Gerichtsverfahren eröffnet worden.
Der Tod des letzten Vorstehers und Vorbeters der jüdischen Gemeinde Nidda hat als öffentliche Steinigung durch Minderjährige seinen festen Platz in der Ortsgeschichte. Seit einigen Jahren ist dafür auch offiziell gesorgt. Eine Straße am Bahnhof heißt Emanuel- Eckstein-Anlage, und in einer Grünanlage in der Ortsmitte steht ein Gedenkstein mit den Namen aller aus Nidda vertriebener jüdischen Familien, an erster Stelle Eckstein.
Als der alte Mann in Nidda aussteigt, ist es kurz vor 9 Uhr. Die Kastanienbäume vor dem Bahnhofsgebäude leuchten gelb, hoch oben sitzt Lore, der Papagei des Bahnhofwirtes, und schreit.
Der Satz aus der Zeitung vom »wunderbaren Siegeszug, der hinter uns liegt«, kommt Eckstein in den Sinn. Zwei Wochen ist es her, daß er hier im Wartesaal Zuflucht gesucht hat vor einer Horde von Jungen, die ihn mit Steinen, Stöcken und Geschrei die steile Bahnhofstraße hochjagten.
Es bleibt ihm nichts anderes übrig: um in Frankfurt nicht zu verhungern, muß er sein Eigentum in Nidda zu Geld machen, bevor es endgültig geraubt ist. Amtsgericht, Bank und Kaufinteressenten will er an diesem Tag aufsuchen, Schuldner auch, denn er ist Viehhändler gewesen, und seine Frau Sitta hatte ein Lebensmittelgeschäft betrieben.
Haus und Laden liegen mitten im Ort, in der Schloßgasse. Vor knapp einem Jahr ist das Eckstein'sche Anwesen Ziel des örtlichen Pogroms gewesen, wie überall in der oberhessischen Provinz am Nachmittag des 10. November achtunddreißig.
Wie es zuging am Kristalltag in Nidda, schildern anschaulich die Akten eines Prozesses, der zehn Jahre später, 1948, vor dem Gießener Landgericht stattfinden wird. Die Bürgerschaft in Gestalt von Angeklagten und Zeugen, befragt zu Zeiten von Entnazifizierung und Schwarzmarkt, erinnerte sich oder erinnerte sich nicht. Die Richterschaft nahm zu Protokoll und urteilte.
Der im Urteil als »Ausschreitungen« geführte Pogrom »hatte in der Hauptsache das jüdische Anwesen Eckstein in der engen Schloßgasse zum Ziele. Die ständig von einem großen Teil der Bevölkerung von Nidda beobachtete und zum Teil auch gebilligte Aktion begann gegen 14 Uhr und erstreckte sich bis in die Abendstunden. Der Lehrer Geiger - der schwarze Geiger genannt - hatte die Schulkinder vor das Haus bestellt, um dort zu demolieren.«
Ein Nachbar, der Bauer Wilhelm Rullmann, kam vom Feld zurück. Da »lagen auf der Straße Mehl, Zucker, Gries und sonstige Sachen, besonders auch viele Akten und sonstige Papiere. Die Fensterscheiben waren eingeschlagen. Ich sah, daß auch Möbelstücke in der Hofreite des Eckstein lagen.«

Die Nachbarin Sophie Bohn gab zu Protokoll, »daß die Fensterscheiben durch Schulkinder mit großen Steinen eingeworfen waren.Ich habe auch gehört, daß mit einer Axt Gegenstände zerschlagen wurden. Einige Tage nach dem Vorfall kam die Tochter des Eckstein, Frau Kugelmann, zu mir und zeigte mir die Wohnung. Es sah in dieser Wohnung ganz fürchterlich aus. Die Stühle waren zerschlagen, die Sessel und Matratzen zerschnitten, das Porzellan zerschlagen. Ebenso zeigte sie mir, daß die Behälter von Silberbestecken leer waren. Frau Kugelmann sagte mir auch noch, daß Wäsche und Kleider gestohlen worden sind.«

Der Schuhmacher Franz Klüber hat als SA-Mann »von 14 Uhr bis gegen halb 7 vor dem Haus Wache gestanden; nach dem Abendessen nochmal bis gegen 10 Uhr: nach einiger Zeit kam der Schwiegersohn des Eckstein, Kugelmann, ganz verängstigt heraus und bat mich, mit ihm zur Bürgermeisterei zu gehen, da er dort seine Wertpapiere und Wertsachen hinlegen wollte. Ich habe dies auch getan. Vor dem Haus stand eine große Menschenmenge. Als ich mit Kugelmann losging, riefen einige Frauen: >Laßt ihn laufen, schlagt den Juden tot!< Wer dies gewesen ist, weiß ich heute nicht mehr.«

Der Arbeiter Hugo Zimmer gab an, er sei »in das Haus Eckstein hineingegangen und habe in der Küche den Emanuel Eckstein und seine Tochter, Frau Kugelmann, gesehen, ebenso war die alte Frau Eckstein da. Ich persönlich nahm mir einen Manchesterstoff und einen Kaffeekessel mit. Ich hatte die Absicht, mir aus dem Manchesterstoff einen Arbeitsanzug anfertigen zu lassen. Ich nahm die Sachen mit, weil ich nicht wollte, daß sie zerstört wurden.«

Der Arbeiter Hermann Nies hatte das Haus Eckstein aufgesucht, um seinen Sohn - Hermann Nies junior, Hilfsarbeiter - nach Hause zu holen; denn der »war betrunken. Aus dem Laden des Eckstein habe ich mir mehrere Stück Seife, es können drei oder vier Stück gewesen sein, mit nach Hause genommen. Ich habe die Seife nur mitgenommen, weil sie doch von der Menschenmenge zertreten worden wäre. Ich kann nicht sagen, wer alles in dem Hause Eckstein war. Mein Sohn Hermann war nicht stark betrunken.«
Dieser Sohn, so ergaben die weiteren Ermittlungen, hatte »mit einem Brecheisen die Ladentür aufgebrochen«.

Der Bürgermeister und Ortsgruppenleiter der Nazi-Partei, Ernst Philippi, von Beruf Küfer, sagte aus: »Der Zustand des Hauses war unordentlich infolge des Durcheinanderwühlens aller Sachen. Ob Möbelstücke zerstört wurden, weiß ich nicht. Ich glaube aber, annehmen zu dürfen, daß die Möbel noch ganz waren. Das war ungefähr gegen 15 Uhr nachmittags. Als ich weggehen wollte, bat mich der alte Eckstein, daß ich noch etwas bei ihm bleiben sollte. Er hatte sicherlich Angst. Ich blieb auch bis gegen 16 Uhr und begab mich anschließend zur Bürgermeisterei. Damit war der Fall Eckstein für mich erledigt.«

Der Milchhändler Rudolf Strauch, Nachbar von Ecksteins: »Ich ging um das Haus herum, ob nichts beschädigt worden ist. Ein Junge rief: >Wir stecken den Juden heut' noch die Bude an.< Ich hatte an dem Haus Eckstein ein bestimmtes Interesse, weil der Schwiegersohn des Eckstein auswandern wollte und ich es von ihm kaufen wollte.«

Der Schreiner Martin Weber, ebenfalls Nachbar in der Schloßgasse: »Als ich zu dem Haus Eckstein kam, lag schon alles auf der Straße. Ich habe keine Posten gesehen, auch habe ich keine Leute in das Haus gehen sehen. Meine beiden Jungen habe ich zufällig gesehen. Ich weiß nicht und habe auch nicht gehört, daß die Türe aufgebrochen wurde. Ich habe nie gesagt, daß der Nies junior die Türe aufgebrochen hat.«
Die Zeitungsfrau Anna Vöhl: »Ich war mit der Familie Eckstein gut befreundet und wollte deshalb einmal sehen, was geschehen ist. Ich ging in das gute Zimmer und habe gesehen, daß der junge Nies in das Buffett geschlagen hat. Ob er dabei etwas zerschlagen hat, kann ich nicht sagen. Frau Emilie Michel hat mir erzählt, daß der Nies junior auch einen Stein in die Lampe geworfen hat.«

Das Landesgericht Gießen rang sich zu zwei Gefängnisstrafen von acht bzw. fünf Monaten durch. Zu Ungunsten der Angeklagten müsse berücksichtigt werden, »daß durch die Ausschreitungen im November 1938 der deutsche Name geschändet worden ist«. Einen Satz widmete das Gericht der Seife, die während der Zerstörung gestohlen worden war:
»Eine gewisse Wahrscheinlichkeit spricht für die unwiderlegte Einlassung, der Angeklagte habe die Zueignung der Seife, die möglicherweise schon im nächsten Augenblick durch Zertreten habe unbrauchbar werden können, um deswillen für gerechtfertigt gehalten, da er angesichts des drohenden Verderbs der Seife für ihre Mitnahme das die Schuld ausschließende Einverständnis des Bürgers Eckstein vorausgesetzt habe. Gießen, am 12. Januar 1948.«

Emanuel Eckstein geht die Bahnhofstraße hinab. Jenseits der Häuser im Tal sieht er das Schloß, den Sitz des Amtsgerichts, nicht weit davon steht das Haus, aus dem er vertrieben wurde, in der Schloßgasse.

Das Haus ist mit Datum vom 1. März 1939 an den Milchhändler Rudolf Strauch zum Preis von 4850 Reichsmark verkauft worden. Mit der Niddaer Bank unten in der Bahnhofstraße ist abgesprochen, daß Eckstein heute, am 19. Oktober neununddreißig, die erste Anzahlung in Höhe von 2000 RM erhält.
Bevor er die Bank betritt, muß er das Haus seines schlimmsten Feindes passieren, des Lehrers Fritz Geiger, genannt der Schwarze Geiger, ein fanatischer Antisemit, SA-Mann und Rattenfänger. Es ist heller Vormittag und die Schule noch nicht zuende. Eckstein will den Mittagszug nehmen, um rechtzeitig zur Sperrstunde, die seit einem Monat über die Juden verhängt ist, bei der Familie in Frankfurt zurückzusein. Er hat es eilig.

Die Bank teilt ihm mit, daß der Antrag des Käufers Strauch auf einen Kredit von 2500 RM genehmigt wurde, so daß die Auszahlung des Darlehens an den Milchhändler in den nächsten Tagen erfolgen werde.
Dem Oberfinanzpräsidium wird die Bank drei Wochen später mitteilen, daß Emanuel Israel Eckstein am 19. Oktober 1939 vorgesprochen habe und am gleichen Tag »plötzlich in Nidda verstorben« sei. Die Witwe Sitta Sara Eckstein, wohnhaft in Frankfurt, Eschenheimer Landstraße 81, so die Bank weiter, habe gestern den Käufer Strauch »Klage auf Herauszahlung des Restanspruchs von 2850 RM erheben lassen«.

Das Schreiben der Bank fand ich in der Akte »JS 2907 Sitta Sara Eckstein Wwe.« - »JS« steht für »Judensache«.
In der gleichen Akte gibt es einen Brief mit Datum vom 31.10.39. Frau Eckstein - »Kennkarte 05126« - wendet sich darin an die Devisenstelle S in Frankfurt, Goethestr.9, c/o Dresdner Bank: »Durch die mit dem Todesfall zusammenhängenden Ausgaben einschl. des Transportes der Leiche nach Frankfurt und der Beerdigungskosten habe ich Aufwendungen in Höhe von etwa 350 RM gehabt. Ferner benötige ich zum Lebensunterhalt monatlich 250 RM. Ich bitte daher zu genehmigen, daß mir von dem auf der Bezirkssparkasse Nidda angelegten Guthaben ein Betrag von 350 RM und ferner bis auf weiteres monatlich 250 RM zum Lebensunterhalt ausbezahlt werden dürfen.«

Als Eckstein die Bank verläßt, beginnt sein eigentlicher Weg durch den Ort. Er überquert die Adolf-Hitler-Straße, geht vorbei am braunen Parteihaus mit Fahnen und Parole (»Trau keinem Fuchs auf grüner Heid' und keinem Jud' bei seinem Eid«) und erreicht den Marktplatz, das Zentrum mit dem Wahrzeichen des Städtchens, einem Storchennest auf dem Dach des Fahrradhändlers, dessen Bewohner längst nach Süden gezogen sind. Von hier aus wendet er sich zur Schloßgasse.
Er geht an seinem früheren Eigentum vorüber, in dem jetzt der Milchhändler Strauch mit seiner Frau Minna sitzt, sein größter Schuldner, und läßt die Anwesen der vertriebenen Familien Sichel, Stern, Katz und Strauss hinter sich.

Auf der Suche nach Spuren dieser jüdischen Familien gelangte ich, vorbei am Eckstein-Haus, das heute einen Computer-Laden beherbergt, ins Rathaus, einen modernen Bau zwischen der gotischen Kirche und dem Schloß, gebaut an der Stelle, wo die Häuser der Familien Katz, Strauss und Stern gestanden haben.
Im Meldeamt bekam ich bereitwillig, was übriggeblieben war: die Karteikarten mit den Familiendaten. Beim Kopieren zum Schicksal von Emanuel Eckstein befragt, gab die Amtsfrau mit unnachahmlichem Versprecher Auskunft. Der sei da oben in der Bahnhofstraße einem Herzanschlag erlegen.

Eckstein betritt den Schloßhof. Im Grundbuchamt ist sein Eigentum schwarz auf weiß festgehalten. 1905 aus dem Gießener Land zugezogen, um Sitta Katz zu heiraten, hat er es mit seiner Frau zu ansehnlichem Besitz gebracht: die Hofreite in der Schloßgasse 8, eine halbe Scheuer mit Hofraum in der Schloßgasse 12, eine Wiese beim Ruppelshof, ein Grabgarten in der Wiesengasse, zwei Grasstücke an den Hohensteiner Wiesen, ein Acker mit Obstbäumen im Ruppelshof - die Wiesen jeweils mit Schafweideberechtigung der Stadt Nidda.
Eine Wiese und ein Baumstück hat er für je 40 RM im Jahr verpachtet, die übrigen Ländereien sind bereits verkauft, aber noch nicht bezahlt. Außenstände von 2085 RM schlagen zu Buche. Das Finanzamt hat die Gelder in Beschlag genommen - die Enteignung jüdischen Eigentums auf schleichendem Wege geht ihren bürokratischen Gang.

Eckstein ist in Verzug. Wegen einer Schuldensache aus seinem Viehhandel hat er im Amtsgericht, das auch im Schloß untergebracht ist, vorsprechen müssen. Längst ist das Mittagsläuten vorüber und die Schule aus, und er muß, um zurück zum Bahnhof auf halber Höhe des Berges zu gelangen, wieder den Ort durchqueren.

Was jetzt geschieht, wird nach Kriegsende zu Protokoll gegeben werden. Die Hauptaussage über die Vorfälle, die zum Tod von Emanuel Eckstein führen, wird der Lotze Helmi machen, anno neununddreißig ist er 13 Jahre alt:
»Mein Lehrer war der Fritz Geiger, der schwarze Geiger genannt. Ob er uns damals angestiftet hat, weiß ich nicht mehr, er galt als Feind der Juden. An dem fraglichen Tag wurde irgendwie bekannt, daß Eckstein sich in Nidda befand. Soviel ich weiß, wollte er einen Pachtvertrag bei dem Karl Lang am Eisernen Steg hinter der katholischen Kirche auflösen. Auf einmal waren 50 bis 60 Schulkinder da.
Er lief schnell weiter in Richtung katholischer Kirche und verschnaufte einen Augenblick, indem er sich auf eine Bank setzte. Die Kinder liefen ihm nach und stellten sich um ihn herum. Von da aus ging er weiter in Richtung Bahnhof. Die Kinder liefen ihm immer weiter nach. Dabei wurde er mit Steinen beworfen, und zwar durch die Kinder. Ob er dabei hingefallen ist, weiß ich nicht. Die Kinder liefen in ihrer Masse dem Eckstein weiter nach. Ich gebe zu, daß ich mit den Kindern dem Eckstein nachgelaufen bin. Ich habe mich dabei nicht besonders hervorgetan, sondern habe auch wie die anderen Kinder gerufen und ein paar Steine geworfen. Ob ich dabei den Eckstein getroffen habe, weiß ich nicht mehr.«
Maria Lang, die Ehefrau des Karl Lang, wird nach dem Krieg aussagen, daß Eckstein »an dem Tag kurz vor 14 Uhr in meiner Wohnung war, er war erschöpft und wollte sich in der Küche niedersetzen. Ich verwies ihn aber in das Wohnzimmer. Gleichzeitig bemerkte ich draußen auf der Straße vor dem Haus einen Menschenauflauf. Wer es im einzelnen war, weiß ich heute nicht mehr. In der Masse waren es jedenfalls Schulkinder. Dabei hörte ich Redensarten >Der Jud heraus!< Daraufhin schloß ich das Haus ab. Die Kinder verzogen sich dann allmählich. Eckstein ging nun wieder aus dem Haus und wollte zur Bahn. Auf der Straße waren sofort wieder die Kinder anwesend. Er fing an zu laufen.«

Ihre Mutter sei über den Tod des alten Eckstein nicht hinweggekommen, sagte Maria Köhler, die Tochter von Maria Lang, als ich sie, um den Todestag zu rekonstruieren, aufsuchte. Als Schulmädchen sitzt sie mit der Mutter beim Mittagessen, da klopft Eckstein schutzsuchend an die Tür. Am Ende läßt er sich nicht davon abbringen zu gehen: »Er wollte unbedingt zum Zug nach Frankfurt, zurück zur Familie.«
Mutter und Tochter haben Angst, daß ihnen die Scheiben eingeworfen werden, zumal Mann und Bruder auf der Arbeit sind. Wer da draußen johlte? »Der Pöbel, die armen Leute aus der Schloßgasse, die in Ecksteins Laden einkauften und, weil sie knapp bei Kasse waren, anschreiben ließen.«
Und der Lotze Helmi? »Das war ein stadtbekannter Rabauke. Der hat im Krieg zwei Beine verloren.«
Und der schwarze Geiger? »Der hat von seinem Fenster aus in der Bahnhofstraße die Horde angefeuert. Hat nach dem Krieg seine Strafe gekriegt. Ist in Polen bei der Zwangsarbeit umgekommen.«
Nach einigen Monaten der Recherche schälte sich ein Standardbild heraus, auf dem drei Personen erkennbar waren, umgeben von einer grauen Masse. Der Haupttäter: ein Dreizehnjähriger, ein Lausbube - und der Drahtzieher: ein Obernazi und Lehrer. Beide waren sozusagen ihrer gerechten Strafe zugeführt, obwohl sie nie vor einem hiesigen Gericht gestanden hatten.
Der eine, Lotze Helmi, hatte nach den Erzählungen mal ein, mal beide Beine im Krieg verloren oder galt gar als tot, gefallen, existierte jedenfalls in Nidda nicht mehr. Den anderen hatten »die Polen« auf dem Gewissen, weil er, als keine Juden mehr da waren, seinen Haß an diesen ausgelebt habe. Auch er war kein Bürger mehr im Städtchen.
Das Opfer, die dritte Person, war angeblich ein gütiger, freundlicher, weißhaariger alter Jude, über dessen Verbleib im übrigen nichts bekannt war. Die graue Masse in der Szene aber waren - Kinder. Womit geklärt wäre, warum es im Zusammenhang mit dem Tod von Emanuel Eckstein nie eine Gerichtsverhandlung gegeben hat.
Das bedeutete für mich: die Kinder von damals mußten heute etwa so alt sein wie ihr Opfer zu jener Zeit, Mitte sechzig. Sie mußten noch am Leben sein.

Emanuel Eckstein hastet die Bahnhofstraße hinauf, den Regenschirm unter den Arm geklemmt, mit der anderen Hand drückt er den Hut fest auf den Kopf, duckt sich gegen Geschrei und Steine, darf nicht stürzen, spürt eine Peitsche im Nacken.
Ich fand einen Kellner, damals zehn Jahre alt, der, von seiner Mutter zum Einkaufen geschickt, die tobende Meute gesehen hatte. Höchstens zehn seien es gewesen. Namen? Nein.
Ein anderer, ein uralter Lehrer, beim Gang durchs Städtchen befragt, erinnerte sich an die Szene. Hatte auf dem Balkon gestanden, neben der Post, in der heute die Zeugen Jehovas ihren Sitz haben, kurz vor dem Bahnhof, als Eckstein unter ihm die Straße hochgekeucht kam, »zu Tode gehetzt«, sagte er unmißverständlich. Einen kannte er, der dabei war und noch lebte, aber den Namen wollte er nicht sagen, unter keinen Umständen. Sprach über Lotze Helmi, der ihm im Krieg Hasen gestohlen hatte, und vom schwarzen Geiger, seinem Kollegen in der Volksschule, der ein Hetzer war und später »für alle gelitten« habe.

Emanuel Eckstein erreicht den Bahnhof, schleppt sich in den Wartesaal 3. Klasse, bittet um eine Tasse Kaffee, auf Hilfe hoffend. Der Zug steht schon dampfend am Bahnsteig.
Zehn Jahre später wird die Zeitungsfrau Anna Vöhl aussagen, sie sei Augenzeugin gewesen im Wartesaal des Bahnhofs und habe gesehen, »wie der Lotze Helmi dem Eckstein einen Schlag vor die Brust gab, worauf Eckstein verstarb«.

Der Arzt Dr. Willy Metz, der gleich neben dem Bahnhof seine Praxis betrieb, wird - hinzugezogen - zu Protokoll geben: »Zeichen einer Verletzung habe ich nicht feststellen können. Meines Erachtens ist Herr Eckstein infolge eines Herzschlages gestorben.« Die Tochter des Bahnhofvorstehers sprach ich und bekam zu hören, daß ihr Vater sich geärgert habe, »weil die Eisenbahner den Toten so unsanft hingelegt haben«.

Eine Zeitlang ließ ich Nidda links liegen, machte mich außerhalb auf die Suche nach Zeitzeugen. Vor Ort blieb ein Grauschleier, den zu lüften in Nidda niemand bereit schien. Ich fand einen ehemaligen Lebensmittelhändler etliche Dörfer weiter, der sich entsann, daß er - es war die Zeit des Auschwitz-Prozesses in den sechziger Jahren - einen seiner Kunden im Laden in der Niddaer Schloßgasse halb scherz-, halb ernsthaft auf seine Kinderjahre angesprochen habe, wohl wissend, daß dieser als Pimpf im Jungvolk, eine Altersstufe unter der Hitlerjugend, bei der Jagd auf den alten Juden mitgemacht hatte.
Ich fand auch einen pensionierten Beamten in der Kreisstadt, der sich an eine Clique erinnerte, die wegen ihrer derben Scherze berühmt gewesen sei: Lotze Helmi, Webers Erwin und Sparwalds Willi, Klassenkameraden des Jahrgangs sechsundzwanzig beim berüchtigten schwarzen Geiger. Daß die drei über das klassische Repertoire von Lausbubenstreichen verfügten wie Katzen quälen, Vogelnester ausnehmen oder Kinder verprügeln, wurde mir zugetragen.
Willi Sparwald, Arbeiter in Rente, suchte ich in seinem Häuschen auf und plauderte mit ihm und der Frau über die benachbarte Spanplattenfabrik, unter deren Sägemehlgestank und Holzstaubschleier die ganze Stadt stöhnte. Ich erhielt lebhafte Schilderungen des Lehrers Geiger, welcher, am liebsten in SA-Uniform, meist montags mit dem Stecken zum Abstrafen geschritten sei, indem er die Dreizehnjährigen über die erste Bank im Klassenzimmer sich legen ließ.
Ob er bei der Sache mit Eckstein dabei gewesen sei? »Wo ich an dem Tag war, weiß ich net.« Die Frau, ganz ungläubig: »Daß du da net dabei warst - du warst doch sonst überall dabei mit deiner Clique!«
Erwin Weber, Hilfsarbeiter in Rente, konnte nicht wenig Beispiele aus dem Gedächtnis hersagen, die das Walten der Rute des Paukers Geiger zum Inhalt hatten, etwa bei nicht erfolgtem Hitlergruß. Die Sache mit Eckstein? An einen Bauern erinnerte er sich, das Detail einer Peitsche kam ihm in den Sinn, die der ihnen vom Fuhrwerk herabgereicht habe, als die wilde Hatz vorüberzog. Mit dem Helmi wurde Erwin im Dezember vierundvierzig zum Kommiß eingezogen, »bei die Panzer.« Die Zivilklamotten hätten sie in einem gemeinsamen Paket von Erfurt aus nach Hause geschickt und sich dann aus den Augen verloren.
Und schließlich Lotze Helmi, trotz seines amputierten Beines -»eine Mine in Ungarn« - siebzehn Jahre lang Dachdecker und in Rente. Zu Nidda hatte er alle Brücken abgebrochen seit den Zeiten des Schwarzmarktes nach dem Krieg. Der Sündenbock sein - nein, dazu habe er keine Lust. Lebte seitdem in gebührender Entfernung vom Ort der jugendlichen Taten.
Vom Lehrer hatte auch er den unauslöschlichen Eindruck der Strenge behalten und daß es, durch diesen verfügt, zum 10. November achtunddreißig »extra schulfrei« gab - für folgende Arbeitsteilung: die Kinder warfen die Scheiben bei Ecksteins ein, und die Erwachsenen plünderten. Vom schwarzen Geiger wären auch an jenem 19. Oktober neununddreißig die Befehle gekommen: >»Der Erzfeind will dene Leut' ihr Geld abnehmen - jagt den aus dem Dorf!< Da wurd' mobil gemacht, als ruchbar war, daß er in Nidda war. Und ab zum Bahnhof mit dem.«
Seine Anwesenheit beim Tod des Alten dementierte der Rentner rundweg. Sogar mit einer Backpfeife habe ihn seine Pflegemutter noch vor dem Bahnhof aus der Kinderschar heraus- und nach Hause geholt.

Emanuel Eckstein wird vier Tage später, am 30. Oktober, auf dem Neuen Jüdischen Friedhof in Frankfurt beerdigt. Von seiner Familie wird niemand eine letzte Ruhestätte in einem einzelnen Grab finden. Auf den Tag drei Jahre nach dem Pogrom vom November achtunddreißig wird die Familie zur Großmarkthalle in Frankfurt befohlen und nach Osten transportiert, im Viehwagen, um in Minsk in Weißrußland in einem Massengrab zu enden, erschossen, vergast oder verhungert.
Von einer Überlebenden aus dem Nachbardorf erfuhr ich, daß der Name Eckstein aus dem Lautsprecher der Großmarkthalle zu hören gewesen sei. Dies war das letzte Lebenszeichen.
Vier Wochen später wird ein anonymer Sachbearbeiter die Akte »Judensache 2907« mit dem Vermerk schließen: »Die Anordnung ist erledigt. Akte weglegen.«

aus:
Johannes Winter, Herzanschläge, 1993